Ich nuschelte zwei Worte. Und alle starrten.
»Möchten Sie nicht aufstehen?«
Das sagte der Mann. Neben ihm eine Frau. Und der Boden unter meinem Rücken vibrierte. Holpernde Gleise.
»Soll ich Ihnen aufhelfen?«
Besorgte Blicke. Jemand hielt eine Einkaufstasche. Sterne und Tannen darauf; daran erinnere ich mich noch.
Dum-dum, dum-dum; der Waggon schob sich vorwärts.
Sollte ich antworten? Vielleicht nur dieses Wortpaar, diese sanfte Parole. »Lieber nicht.«
Da standen sie, die zwei Worte, wackelig wie ein junges Reh.
»Kommen Sie«, sagte ein anderer, und seine kräftige Hand schwebte über meiner Brust. Ich spürte den Luftzug ihrer Bewegung, einen Hauch von Lederhandschuh in der Winterkälte.
Zum Greifen nahe. Es hätte mich nur eine Armbewegung gekostet, und schon hätte ich wieder auf der Bank gesessen. Stattdessen schüttelte ich den Kopf und meine Stirn verzog sich zusammen mit den Lippen zu einem Ausdruck, wie wenn mich etwas anwidert.
Zwei Wörter, mehr waren es nicht. Sie ratschten einen Riss mitten durch die Struktur. So hatte Egon es ausgedrückt.
Mein Brustkorb weitete sich. Es fühlte sich an, als würde ich nach innen stürzen, aber wie in Zeitlupe. Wie landet man eigentlich auf dem Boden einer Regionalbahn? Arme und Beine von sich gestreckt, bar jeder Scham. Zuerst rutschte der Po über die Sitzkante; dann folgte das Gewicht. Die Frau gegenüber weitete die Augen, dann verengte sie die Stirn. Mikrobewegungen eines Kopfschüttelns. Es ging abwärts, bis ich flachlag und der kalte Boden zurückatmete.
War das Mut oder bloß ein Spinner im Feierabendverkehr? So hatten sie auch Egon in meiner Abteilung genannt, vor allem Herr Fischer, der ihn nicht mochte wie sein Spiegelbild am Morgen.
Die Geschichte begann ein paar Stunden früher in der Kantine. 15:23 Uhr. Das wusste ich genau. Egon saß allein in der Ecke und rührte seinen Kaffee. Feierabendluft.
Ich hätte zum Automaten gehen können. Ein Nicken hätte gereicht. Aber da war diese Neugier. War es wahr? Würden sie ihn feuern? Unser Egon?
Ich blieb neben seinem Tisch stehen. Er schaute auf. Diese Stille, kurz bevor die erste Silbe aufbricht. Schnee draußen. Rouladengeruch unter der Decke. Um 16 Uhr wurde ausgestempelt.
»Bartleby?«
Der Titel prangte in ausgebleichten Lettern auf dem Einband. Das Buch lag neben dem Salzstreuer, der Deckel fettig, die Ecken umgeknickt. Es war eines dieser Werke, die man nie las oder einmal im Jahr aufschlug, um es erst auf der letzten Seite wieder aus der Hand zu legen.
In meiner Abteilung hatte es längst jeder bemerkt. Egon und sein Buch, Hand in Hand, jedes Jahr zur Weihnachtszeit. Er trug es bei sich wie ein Prediger seine Bibel, weil er in den Zeilen lebte. Absurderweise hatte man den Eindruck, das Buch lese zurück. Wie ein Echo.
»Herman Melville.« Seine Stimme kratzte wie Sandpapier.
»Der mit dem weißen Wal?«
Ich meinte: Moby-Dick.
Egon nickte.
Herr Fischer hätte das nicht gewusst, weil seine Bildung vom Flachbildschirm kam.
Eigentlich hieß Egon anders. Der Spitzname war als gemeiner Scherz gedacht, weil unser Hausmeister Sandalen trug, selbst im Winter, und einen gewölbten Bauch vor sich hertrug. Außerdem wirkte er älter, als er war. »Egon« hätte tatsächlich besser zu ihm gepasst als »Marco«. Und wie das so ist mit Spitznamen: Einmal ausgesprochen, bleiben sie kleben.
Egons Augen sagten: Setz dich.
Der Koch hinter dem Tresen warf mir Blicke zu. War es wegen der Sache, über die sie alle tuschelten?
Manche meinten, Egon sei verrückt. Frau Schuman war da anders gestrickt. Für sie war er der einzig Vernünftige in diesem Affenhaus. So war sie halt, direkt und meinungsstark.
Hier ist die Kurzfassung: Mein Abteilungsleiter hatte Egon auf frischer Tat ertappt. Er war ins Archiv gegangen, und beinahe wäre es passiert. Gott sei Dank hatte er rechtzeitig reagiert, sonst wäre er gestolpert und hätte sich weiß Gott was brechen können. Wegen Egon, der dort langgestreckt auf den Fliesen lag. Geschlafen soll er haben. Während der Arbeitszeit.
»Wollen Sie nicht aufstehen?«, hatte mein Abteilungsleiter provoziert.
»Lieber nicht«, soll Egon geantwortet haben.
Frechheit. Ganz klarer Kündigungsgrund.
Aber so einfach konnte man Egon nicht loswerden. Dafür war er zu lange im Unternehmen. Und Frau Bock aus dem Betriebsrat stellte sich stets schützend vor diesen komischen Kerl.
Egon hatte diesen Ich-verrate-dir-ein-Geheimnis-Ausdruck. Also ließ ich mich nieder, und das Polster pustete unter meinem Gewicht.
»Haben Sie wirklich…?«, fragte ich.
Er wusste, was ich meinte, und nickte. Dann lächelte er. Aber wie in eine Ferne hinein. An mir vorbei. Als stünde jemand hinter mir. Und nur Egon konnte diese geisterhafte Person sehen.
Also hatte Herr Knecht recht gehabt. Während der Arbeitszeit geschlafen. Eine Abmahnung hatte Egon ganz bestimmt erhalten. Das konnte selbst die alte Bock nicht wegbügeln.
»Aber warum?«, fragte ich.
Er zeigte ehrfurchtsvoll auf sein Buch.
»Bartleby?«, fragte ich.
Ein Schweigen folgte, das so anders war.
Egon war weiß Gott nicht belesen. Und wortgewandt schon gar nicht. Doch er hatte dieses Buch in- und auswendig studiert. Und du musst einen Mann achten, der nur ein einziges Buch liest wie sein eigenes Tagebuch.
Die Kurzgeschichte handelte von einem Kanzleischreiber, der eines Tages alles verweigerte. Immer mit demselben Ausspruch. »Lieber nicht.« Ohne Drama. Offensichtlich war Egon zum Abbild dieses Schreibers geworden.
Die Orthodoxen hatten diesen Glauben: Starre lange genug auf eine Ikone, und du wirst ihr ähnlich. War das möglich? Man liest schließlich auch nicht Shakespeare hundertmal und wird ein Hamlet. Doch bei Egon und seinem Bartleby schien das zu stimmen.
Die Uhr tickte voran, und das Teammeeting war um 16 Uhr.
Egon tippte auf das Buch. »Bartleby ist nicht die Krankheit.« Sein Kopf bewegte sich nach links. Stopp. Nach rechts. Stopp. Zurück zur Mitte. Quälend langsam. »Er ist die Medizin.«
Und wieder blickte er an mir vorbei, als stünde die Vergangenheit hinter meinem Rücken. Simone war ihr Name gewesen. Als er ihn aussprach und seinen Kaffee rührte, klang er weich, überhaupt nicht sandig wie sonst.
Er erzählte nicht viel. Nur das Wesentliche. Das, was ein Leben verändert. Es war Winter, kurz vor Weihnachten. Sie hatte sich einfach hingelegt, mitten auf die verschneite Straße. Die Leute gingen vorbei, und sie lag flach und bewegte Arme und Beine. Und siehe da: das Bild von Flügeln im Schnee. Wie ein Engel.
Sie hatte ihm den Bartleby als Geschenk unter den Baum gelegt. Und auch dieses Wortpaar: »Lieber nicht.« Lieber im Schnee liegen bleiben. Ich bei dir und du bei mir.
Das war es also. Egon hatte nicht im Archiv geschlafen. Er hatte angehalten. Sich den Schnee vorgestellt.
»Lieber nicht«, hatte er dem Knecht geantwortet. Lieber bei ihr. Bei Simone.
Ich wette, wenn ich mich jetzt umgedreht hätte, dann hätte ich sie gesehen. Schemenhaft im Schnee.
Nein, Bartleby war nicht die Krankheit.
Der Kantinenkoch verschwand in der Küche, und oben hatte die Teamsitzung begonnen. 16 Uhr. Time is money.
Ich stand auf, etwas langsamer als sonst. Vielleicht war es ja so, dass, wenn du nur lange genug auf Egon schaust, du dann ein wenig wie er wurdest. Etwas ruhiger. Etwas eigenartiger.
Da lag ich nun und seit Langem fühlte ich mich gesund. Ich bin die Sitzbank hinabgerutscht. Po zuerst. Dann der Rücken. Zu Hause wollte ich den Bartleby lesen. Zehnmal. Zwanzigmal. Bis ich ein wenig werde wie er.
»Möchten Sie nicht besser aufstehen?«, fragte der Mann wieder. Seine Hand zum Greifen nah.
Ich dachte: Lieber nicht. Lieber hier. Lieber bei dir.
Copyright Günther Bially 2025
Inspiriert von Rolf Becker.